Keine Angst vor den Multis: jointventures bringen neuen Reichtum
Staatliche Energieriesen stellen sich Marktbedingungen
ALGERIEN ZÄHLT
zu den wichtigsten Ölförderländern der Welt. Etwa 60% der Staatsausgaben werden durch
Öleinnahmen gedeckt."Ich halte diese einseitige Abhängigkeit für ungesund",
erklärt Energieminister Chakib Khelil, und deshalb streben wir eine weitgehende
Diversifizierung an." Das soll jedoch nicht heißen, dass der Ölsektor
vernachlässigt wird. Im Gegenteil: Das Fördervolumen, das gegenwärtig bei 1,05
Millionen Barrel pro Tag liegt und damit die OPEC-Quote von 700.000 Barrel erheblich
übersteigt, soll innerhalb der nächsten drei Jahre auf täglich 1,5 Millionen Barrel
angehoben werden.
"Wir brauchen ausländische
Investorern, um das Potenzial unserer Öl-und Gasvorkommen voll auszuschöpfen", sagt
Chakib Khelil, "und deshalb setzen wir die Öffnung des gesamten Energiesektors
fort." Sonatrach, der staatliche Energieriese, verliert sein Monopol, das
Pipeline-System wird liberalisiert, und ausländischen Investoren werden neue Anreize
geboten, um das Öl-und Gasfördervolumen weiter zu erhöhen. "Die im Februar
verabschiedeten Stromerzeugungsgesetze werden durch ähnliche Gesetze im Öl-und
Gasbereich ergänzt", sagt Chakib Khelil, "denn wir wollen den freien Wettbewerb
fördern und das Interesse ausländischer Investoren wecken."
Um Staatsunternehmen wie Sonatrach und Sonelgaz auf diesen Wettbewerb vorzubereiten, werden sie in kommerzielle Unternehmen mit eigener Entscheidungsbefugnis umgewandelt und somit privaten Unternehmen im Hinblick auf die Handlungsfreiheit gleichgestellt. "Wir haben beschlossen, die Funktion des Staates von der Funktion der Staatsunter nehmen zu trennen", sagt der Energieminister."Die staatlichen Energie unternehmen werden nicht privatisiert, sie werden nach kommerziellen Gesichtspunkten arbeiten, während der Staat die Rolle des Aufsichtsorgans im Energiesektor übernimmt."
Chakib Khelil ist nicht nur Energieminister, sondern auch Generaldirektor von Sonatrach, dem riesigen Staatsunternehmen, das für die Ausbeutung der Öl-und Gasvorkommen zuständig ist. Sonatrach erzielte im letzten Jahr einen Umsatz von über 22 Milliarden US-Dollar und ist weltweit die elftgrößte Ölgesellschaft, der zweitgrößte Exporteur von Flüssiggas und der drittgrößte Erdgasexporteur. Die Liberalisierung des Energiesektors iist natürlich auch mit Konsequenzen für Sonatrach verbunden. Die Gleichstellung des Unternehmens mit anderen Firmen bringt es mit sich, dass Sonatrach nicht mehr automatisch Explorations- und Förderrechte zugeschlagen bekommt, sondem sich um Konzessionen bewerben muss und auch die Befreiung von der Steuerzahlung verlieit."Sonatrach muss sich mit der Konkurrenz messen", erklärt Chakib Khelil, "und strebt als Folge verstärkt Kooperationen mit ausländischen Investoren an."
Sonatrach hat seit 1986 weit über 50 Jointventure-Vereinbarungen mit ausländischen Ölgesellschaften im Upstream-Bereich geschlossen. "Ein gutes Beispiel ist das Partnerschaftsabkommen mit BP zur Entwicklung der Gasvorkommen in der Region Salah, das Algeriens Gasfördervolumen beträchtlich erhöhen wird", sagt Chakib Khelil. "Der Wert dieser Gasvorkommen wird auf 2,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das erste Großprojekt, das ausländischen Unternehmen geöffnet wird, bezieht sich auf die Ausbeutungder Gasvorkommen in der Region Gassi Touil. Die Reserven werden auf 225 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Die Firmen, die den Zuschlag bekommen, müssen Verarbeitungsanlagen errichten und eine Pipeline zur Küste bauen, damit das Gas verflüssigt und exportiert werden kann. Chakib KKhelil ist überzeugt, dass dieses integrierte Projekt die Gasexporte um mindestens 10 Milliarden Kubikmeter im Jahr steigem wird.
Ölgigant sucht deutsche Partner für Förderprojekte
Sonatrach tritt nicht nur in Algerien, sondern durch eine Vielzahl von Tochtergesellschaften auch im Ausland auf. "Diese Tochtergesellschaften sind nicht nur unabhängig, sondern auch profitabel", sagt Chakib Khelil. "Sonatrach ist ein intemationales Untemehmen wie Shell oder BP, und wir sind an Explorationsprojekten im Jemen und in Peru beteiligt." Der Energieminister und Sonatrach-Generaldirektor ist stark an einer Zusammenarbeit mit deutschen Investoren interessiert, insbesondere im Downstream-Bereich, wo es algerischen Unternehmen an dem notwendigen Kapital und der notwendigen Expertise fehlt.
Die Versorgung der algerischen Haushalte und Betriebe mit Strom und Gas lag bis vor kurzem allein in den Händen des Staatsunternehmens Sonelgaz. Sonelgaz-Generaldirektor Abdelkrim Benghanem weist jedoch auf die neue Situation hin: "Mit dem Staatsmonopol ist es vorbei,jeder in unserem Land hat das Recht, Kraftwerke zu bauen oder nach Gas zu suchen. Man braucht nur eine Genehmigung."
Sonelgaz wird in eine Aktiengesellschaft mit mehreren Töchtern umgewandelt, und obwohl das Gesetz den Staat zum einzigen Anteilseigner macht, wird er sich nicht in die kommerziellen Entscheidungen einmischen, sondem sich auf die Aufsichtsführung besehräriken. "Die Stromversorgung wird von der Stromerzeugung getrenne', erklärte Abdelkrim Benghanem."Wir öffnen unser Stromversorgungsnetz sämtlichen Erzeugem, und diesen steht es dann frei, Lieferverträge mit individuellen Kunden abzuschließen."Das neue Gesetz gibt Sonelgaz die Möglichkeit, nicht nur in Algerien, sondern auch im Ausland aufzutreten. "Wir bereiten uns darauf vor und haben bereits mit Sonatrach eine Tochtergeserschaft mit dem Namen Algerische Energiegesellschaft (AEC) gegrundet, die uns zu je 50% gehört." Das erste gemeinsame Vorhaben ist das so genannte 2000-Megawatt-Projekt. Mit einem ausländischen Partner werden zwei Kraftwerke gebaut, die jährlich 2000 MW erzeugen, von denen 800 MW für algerische Kunden bestimmt sind und 1200 MW über ein neues Starkstromkabel nach Spanien geliefert werden sollen. "Sonelgaz wird etwa 500 Millionen US-Dollar in dieses Projekt investieren und für den Betrieb des Kabels auf der algerischen Seite zuständig sein", führt Abdelkrirn Benghanem weiter aus.
Die Investitionsbedürfnisse von Sonelgaz werden auf 12 Milliarden US-Dollar geschätz, von denen fünf Milliarden US-Dollar allein auf die Stromerzeugung entfallen. "Drei bis vier Milliarden Dollar können wir in den nächsten zehn Jahren durch Bankkredite decken", erläutert der Generaldirektor."Für den Rest suchen wir internationale Partner." Neue Gas-Pipelines sind ebenfalls geplant. Zwei Pipelines von Algerien über Marokko nach Spanien und von Algerien über Tunesien nach Italien sind bereits in Betrieb. Zwei weitere sollen von Algerien über Sardinien nach Norditalien und direkt nach Spanien führen. Abdelkrirn Benghanem ist besonders am Bau einer Pipeline zwischen Nigeria und Algerien interessiert: "Sonelgaz könnte zu einem wichtigen Erdgaskäufer werden und entlang der Pipelines billigen Strom erzeugen, der nach Europa exportiert werden kann." Source: Algerien. Donnerstag, 5 september 2002